Garten und Pflanzen sind meine Leidenschaft. Auf dieser Seite erscheinen ergänzend zur Homepage in unregelmäßigen Abständen aktuelle Beiträge aus meinem Garten und so manches mehr.

28. November 2010


Die Bettlerin und die Rose 

hochzeit-0054.gif von 123gif.de
Von Rainer Maria Rilke gibt es eine kleine Geschichte, 
die sich während der Zeit seines ersten Pariser Aufenthaltes 
zugetragen haben soll. Viele werden sie sicher schon kennen. 
Ich finde sie sehr schön und nachdenkenswert und gut 
passend für den 1. Advent.


Gemeinsam mit einer jungen Französin kam Rilke um die Mittagszeit regelmäßig an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau stets am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Antwort: "Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand." Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen.
Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.
Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe.
Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. "Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?", frage die Französin. Rilke antwortete: "Von der Rose . . ."


Ich weiß nicht, ob sich diese Geschichte wirklich so zugetragen hat, aber ganz sicher bin ich mir, dass „der Mensch nicht vom Brot allein lebt“. „Man muss dem Herzen schenken, nicht der Hand“, sagte Rilke. Erfahren wir das nicht jeden Tag aufs Neue? Menschliche Zuwendung, ein freundliches Wort, ein Lächeln, eine Ermutigung, ein Zeichen, das uns sagt: „Schön, dass es dich gibt“ – wir alle leben von der „Rose“. Darum lasst uns viele solcher „Rosen“ verschenken – nicht nur in der Weihnachtszeit.


Rainer Maria Rilke

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin bereit
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

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Habt einen wundervollen 1. Adventssonntag.
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